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Onkel Jimmy, die Indianer und ich

Hamburger Morgenpost Online, Dezember 2001

Ein Buch? Geschenkt!
Präsent-Tipps kurz vorm Fest

Von Ira Panic

Alles klar am Gabentisch? Natürlich nicht. Bis Weihnachten dauerts doch noch, Moment mal, oje, drei Tage und einen gabentechnisch nutzlosen Sonntag. Was tun? Ein gutes Buch, salbadert wie immer der Volksmund, ist nie verkehrt. Immerhin 80 Prozent der Deutschen, ergänzt pikiert die Statistik, geben an, sich über ein geschenktes Buch, ein gutes natürlich, zu freuen. Da wäre doch noch was …

Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden … Lesen hat in diesem Herbst viel mit Gucken zu tun. Ganz und gar fantastisch: Sämtliche Harry-Potter-Bände, nach all den Spitzenjahren in den Charts dann doch leicht abgerutscht, sind wieder obenauf, Chris Columbus und seiner blitzblanken Verfilmung sei Dank. Und alles, was Tolkien ist, geht pünktlich zum Kinostart zahlreich wie kaum ein brandneuer Bestseller über die Laden- und auf die Gabentische, je nach Gusto des Käufers/Schenkers/Empfängers in alter und bewährter oder neuer und umstrittener Übersetzung.

Und dann natürlich: Mann! Alle Mann. Heinrich, Thomas, Klaus, Erika, Golo. Sogar Michael und Monika und Elisabeth, denn geschrieben, das wissen jetzt auch alle, die es sich vorher entgehen ließen, geschrieben hat in dieser Familie ja nun mal jeder, außer Katia, aber sogar von der gibts die "Ungeschriebenen Memoiren". Und nach Heinrich Breloers opulentem TV-Epos über den Mann-Clan wird das alles mehr gelesen werden. Oder erstmals gelesen werden. Oder einfach wieder.

Kino und Klassik beiseite wars ein ruhiger Bücherherbst. Wenig Pflicht, viel Kür, viele Möglichkeiten. Von denen man sich vor allem eine auf keinen Fall entgehen lassen darf. Wer also einen lieben Nächsten mit Neugier auf Neues und Sinn für Qualität bedenken will, sollte auf diesen letzten Drücker dringend Artur Becker (auch für sich) entdecken. Dessen wunderbar schlitzohrig und mühelos kunstvoll dahingeschwejkter Schelmenroman "Onkel Jimmy, die Indianer und ich" beschwört mit heiterer Verrücktheit und deftiger Melancholie den Geist Masurens. Woher Becker stammt und deswegen trotzdem kein "neuer Siegfried Lenz" oder so was ist, sondern ein unverwechselbarer Erzähler, der die deutsche Sprache, in welcher er schreibt, perfekt beherrscht und unkonventionell bespielt. "Onkel Jimmy …" erzählt von einer ost-west-östlichen Odysee; 1984 verlassen Teofil Baker, seine Freundin Agnes und sein Onkel Jimmy Koronko ihr Heimatdorf Rothfließ in Masuren und gehen nach Kanada. Sie erhoffen sich den Himmel auf Erden. Onkel Jimmy hofft außerdem, auf diesem Weg der sicheren Gefängnisstrafe zu entgehen. Der 16-jährige Teofil hört gelegentlich die beratende Stimme Frank Zappas und träumt von einer Karriere als Musiker. Agnes will einfach besser leben und kommt den Jungs dabei irgendwann abhanden. Indianer kommen auch vor, und nach neun abenteuerlichen Jahren kehren zwei der drei nach Rothfließ zurück. Zur Begrüßung schwelgt Onkel Jimmy in Erinnerungen. Und alles endet am Anfang … Der Plot ist schrägste Poesie, die Sprache reinste Melodie. Vielleicht ist Beckers Roman genau der, der uns zu unserem Glück noch fehlte.

panicira@aol.com
 

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