Sieben Tage mit Lidia
Novelle
© weissbooks.w, Frankfurt 2014

Erstes Kapitel

1

Das Flutwasser war endlich zurückgegangen ‒ auch in Andrzej Olsztyńskis Träumen, in denen er sogar einmal Lidia begegnet war, jedoch nicht hier in Venedig, sondern an einem ihm unbekannten Ort. Im Treppenhaus des vierstöckigen Palazzos, in dem Lidias Vater Jacek Maj ‒ immerhin sein bester Freund ‒ und Stiefmutter Elsa Masseida-Ossowiecki die zweite Etage bewohnten, hatte das Wasser zwei Tage lang fußknöchelhoch gestanden: Der süßlich-modrige Geruch war unerträglich gewesen, genauso wie der Anblick einer toten Ratte, die bereits am ersten Tag der winterlichen Flut vor den Eingang der Chiesa Santa Maria Mater Domini gespült worden war. Die für hiesige Verhältnisse zwergenhafte Kirche, ein direkter Nachbar, war für die Zeit der Flut geschlossen worden. Sie stand gleich gegenüber dem Palazzo, und man betrat sie über den breiten Fußweg und nach wenigen Schritten wie ein zweites Wohnzimmer.
Der Campo Santa Maria Mater Domini, auf dem seine beiden Gastgeber zu Hause waren, sah an diesem frühen Dezembermorgen, einem kaltfeuchten und vernebelten Sonntag, spiegelglatt und wie reingewaschen aus: Andrzej hatte den Eindruck, als hätte sich Venedig für die Ankunft von Lidia einer gründlichen Reinigung unterzogen.
Er war in dieser Stadt noch kein einziges Mal alleine unterwegs gewesen, obwohl er schon seit einer Woche bei seinem Freund weilte. Und überhaupt: Er war schon sechsunddreißig, hatte aber Italien noch nie bereist. Er war zwar mehrmals nach Venedig eingeladen worden, um dort seine Gedichte zu lesen, doch die Regierung der Volksrepublik Polen hatte ihm bis jetzt  ‒ wohl aus Angst, dass er bei seinem Freund bleiben oder sich in einem Interview verplappern könnte ‒ den Reisepass für einen Besuch in Italien immer verweigert. Seine Regierung hatte viele Dinge zu verbergen. Er kannte Westeuropa nicht allzu gut, er war ein Mal in Paris gewesen, und ein anderes Mal in Westberlin, und obendrein geschäftlich sozusagen. In Paris hatte er nämlich seinen Verleger Jerzy Giedroyc getroffen, der dort neben Gedichten und Romanen vor allem politische Schriften publizierte, allerdings alles auf Polnisch, und alles war verboten, verfemt und unerwünscht, zumindest an der kommunistischen Weichsel: Es glich überhaupt einem Wunder, dass Giedroyc, dieser alte unverwüstliche Mann, noch nicht einem Attentat zum Opfer gefallen war ...  
Andrzejs Freude kannte keine Grenzen, als er im Sommer vom Passamt die gute Nachricht bekommen hatte, er dürfe verreisen und das italienische Visum beantragen. Er wollte seinen Freund wiedersehen, seit ihrer Trennung waren zehn Jahre vergangen, und vor der Abreise hatte er gehofft, Giedroyc oder jemand anders aus den Kreisen der polnischen Emigration in Frankreich oder Italien würde ihm in Venedig einen kurzen Besuch abstatten, doch die alten Herren waren reisefaul und mit ihren Schreibtischen wie verschweißt. Ihre Produktivität und scheinbar stählerne Gesundheit beeindruckten Andrzej sehr, denn sie tranken ab und zu immer noch gerne einen Whiskey und rauchten Zigaretten.
»Du kannst dich in Venedig nicht verlaufen!«, hatte ihm Jacek am Abend erklärt. »Unsere Vaporetto-Haltestelle ist gleich um die Ecke, in zehn Minuten bist du da! Dann nimmst du die 2 oder die 1 ‒ beide fahren zur Santa Lucia, da ist der Bahnhof!«
In zehn Minuten bist du da!, wunderte er sich jetzt, ich bin doch schon fast am Fischmarkt angekommen … Wahrscheinlich laufe ich in die falsche Richtung …
Den Fischmarkt hatte er gleich am ersten Tag in Venedig in sein Herz geschlossen, es war für ihn der lebendigste Platz in der Lagunenstadt, aber auch ein Ort, an dem die Zeit keine Macht über den Menschen hatte ‒ hier waren Zeitreisende aus jeder Geschichtsepoche willkommen, seit Jahrhunderten schon, während derer sich das Angebot auf den Tischen der Händler kaum geändert hatte.
Er durfte sich nicht verspäten, Lidia wusste nicht, dass er sie vom Bahnhof abholen würde. Es sollte eine schöne Überraschung werden, die sich ihr Vater am gestrigen Abend nach zwei Flaschen Montepulciano d’Abruzzo ausgedacht hatte: »Du holst mein Mädchen ab! Die Kleine wird sich freuen, dich wiederzusehen ‒ sie hat oft nach dir gefragt, wie es dir geht und wann du endlich zu Besuch kommst!«
Der überdachte Fischmarkt war menschenleer, jetzt sah er wie ein Tempel aus, den Diebe ausgeraubt hatten, und die Säulen und Bögen der Markthalle schienen den Himmel zu tragen, der tief und grau über der Stadt lag und kein gutes Wetter für einen Spaziergang am Nachmittag verhieß.      
Wann habe ich die Tochter meines Freundes das letzte Mal gesehen?, fragte sich Andrzej. Vor zehn Jahren? In Warschau? Sie muss damals dreizehn gewesen sein, als ihr Vater sie auf die Flucht in den Westen mitgenommen hat, nach Frankfurt am Main … Auf die Flucht vor seiner Vergangenheit und ihren Schatten … Die Kommunisten sind ihm doch in den Arsch gekrochen … Ihm fehlte es an nichts … Er durfte reisen, besaß Devisen … Andrzej konnte kaum glauben, dass Lidia inzwischen dreiundzwanzig geworden war, eine Frau, die mit dem kleinen Mädchen aus Warschau nichts mehr zu tun hatte, gar nichts …  Auf einem aktuellen Foto hätte er nämlich nur ihre Augen erkannt ‒ die dunkelgrünen Augen.
Die verfluchte 13!, dachte er noch, die Zahl verfolgt mich mein ganzes Leben schon, selbst in Venedig! Heute ist Sonntag, der 13. Dezember 1981, und ich werde gleich ein dreizehnjähriges Mädchen, das eine junge Frau geworden ist und in London lebt und mehrere Sprachen beherrscht, in meine Arme schließen und ihr erklären müssen, was ich hier tue!
An der Vaporetto-Haltestelle angekommen, stellte er etwas beunruhigt fest, dass die Kirchenglocken immer noch schwiegen und dass ein paar betrunkene Passanten nach Hause gingen und in den dunklen Gassen eilig verschwanden, schreiend und kichernd, weil sie nach wie vor durstig und unternehmungslustig waren. Diese Stadt war ein Bordell und eine riesige Kirche zugleich, ein Steinbecken voller Weihwasser und Wein, voller Unrat und Lagunensalz. Und überall schliefen die Menschen wie auf Wasserbetten und träumten von unbekannten Orten und selten von ihrem Venedig. Wünschelrutengänger müssen in Venedig schlechte Karten haben, dachte Andrzej.
Wo war aber heute die Sonne? Warum zeigte sie sich nicht? Der Canal Grande schlief noch im milchigen Dunst der Morgendämmerung und gab kein Lebenszeichen von sich. Wo waren die Motorboote? Und die Vaporetti? Endlich hörte Andrzej in der Ferne das Geräusch ihrer Dieselmotoren, das ihn beruhigte. Er würde seinen Gast, den er abholen sollte, nicht verpassen.  
In diesem Moment musste er wieder an seinen Traum von der Begegnung mit Lidia denken. Er hatte zwei Nächte hintereinander von einer verfallenen und überschwemmten Fabrik geträumt, aber erst in der dritten Nacht war Lidia zu ihm gekommen, und das war gestern gewesen. Auf morschen Bretterstegen, die riesige leergeräumte Produktionshallen miteinander verbanden, war er stundenlang herumgeirrt: auf der Suche nach ihr. Er entdeckte schließlich einen Ausgang und erblickte in der Ferne grüne Hügel, die sommerlich leuchteten. Auf einem der Hügel wartete Lidia auf ihn. Sie winkte ihm zu, doch als er den grünen Teppich betrat, verschwand sie sofort aus seinem Blick. Und er fand sich wieder in der überfluteten Fabrik, in der Hunderte von Wasserhähnen tropften. Das grausige Tropfen hatte ihn wieder wachgemacht. Es handelte sich um eine postapokalyptische Welt, die er im Schlaf besucht hatte und die er schon aus Andrei Tarkowskis Film Stalker kannte. Spiegelte der Albtraum etwa seine Angst vor einem Atomkrieg wider? Oder eher vor der Begegnung mit Lidia?

2

Die Fahrkarte besorgte er sich direkt auf dem Vaporetto. Er musste beim Geldzählen aufpassen, zehntausend Lire sagten ihm wenig ‒ er durfte das Geld nicht mit seinen polnischen Złoty verwechseln, die nichts wert waren, zumindest hier in Italien. Jacek, der ein erfolgreicher Komponist war, hatte ihm gleich am Tag seiner Ankunft in Venedig einen prall gefüllten Umschlag in die Hand gedrückt: »Kauf was Schönes für deine Frau und deinen Sohn!«, hatte er gesagt. Andrzej wollte das Geld nicht annehmen. Und hatte immer noch nichts ausgegeben. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr, ein sowjetisches Meisterstück. Kurz nach Sieben … Aber er konnte den Wasserbus nicht beschleunigen. Die Haltestationen wollten nicht enden, und der Canal Grande ähnelte zu dieser frühen Stunde einem dunklen Tunnel, der unendlich zu sein schien. Andrzej wusste, dass er sich verspäten würde. Und hoffentlich würde Lidia warten. Sie kannte den Weg zu ihren Eltern, sie kannte diese Stadt, kannte den Strand vom Lido, wo sie als Teenager Jahr für Jahr ihre Sommerferien verbracht hatte, und die Inseln Giudecca und Murano und selbst den Friedhof San Michele. Er hatte nämlich bei Jacek Fotos von Lidia gesehen, die von ihren Sommerferien in Venedig erzählten. Und nun lebte Lidia seit fünf Jahren in London. Wie mochte es ihr dort ergehen? Ihre Stiefmutter meinte, dass London die beste Lebensschule für eine junge Frau sei … und auf keinen Fall Berlin. Ihre Stiefmutter war eine erfolgreiche Fotografin und deutsche Jüdin, sie musste wissen, wovon sie sprach. Ihre Tanten waren im Dritten Reich geköpft, wertvolle Bilder aus der Sammlung ihrer Familie entwendet, das ganze Vermögen aufgelöst und konfisziert worden.   
Auf dem Bahnsteig, auf dem der Nachtzug aus Paris ankommen sollte, warteten Italiener auf ihre Gäste, sie sahen zumindest wie Einheimische aus, er war wohl der einzige Ausländer. Die Anzeigetafel zeigte Verspätung für den Nachtzug an. Also hatte er nichts falsch gemacht: Er war nicht zu spät aufgestanden, hatte sich nicht verlaufen und den falschen Weg gewählt. Er hätte auch zu Fuß zum Bahnhof gehen können und auch zur Piazzale Roma, wo die Fernbusse in Richtung Festland abfuhren. Andrzej liebte die zahlreichen Brücken, und je kleiner sie waren, desto geheimnisvoller erschienen sie ihm, vor allem nachts, wenn sie nicht von Touristen belagert und fotografiert wurden. In Venedig konnte man alles zu Fuß erledigen, und er hatte das Gefühl, dass die Venezianer das Wasser gar nicht mehr bemerkten und es auch nicht mehr als gefährlich ansahen, wie Andrzejs Landsleute in seiner masurischen Heimat.
Er rauchte eine Zigarette, trippelte hin und her und ließ sich auf einer Bank nieder, wo ihn der Schlaf kurz übermannte. Dann aber kam endlich der Nachtzug. Lidia flog angeblich nicht gerne, was ihn wunderte, arbeitete sie doch als TV-Moderatorin, Journalistin und Dokumentarfilmerin ‒ sie musste jedenfalls oft unterwegs sein. Aber wo war sie? Hatte Lidia vielleicht gar nicht diesen Zug genommen, sondern einen anderen? Sie hatte doch vorgestern mit ihren Eltern telefoniert und sich mit ihnen auf dem Bahnsteig verabredet. Eine Mordsstrecke musste sie zurückgelegt haben: von England mit der Fähre nach Frankreich und dann mit der Bahn weiter.
Sie stieg als Letzte aus. Und er erkannte sie wieder. Sie war eine junge fremde und hübsche Frau aus der großen weiten Welt geworden.
Er ging auf Lidia zu, die ein wenig verunsichert auf dem Bahnsteig stand und ihre schwere Reisetasche nicht anzupacken wusste. Sie musste müde sein, und sie schaute sich nach ihren Eltern um.
Andrzej lächelte sie von Weitem an, aber Lidia realisierte erst, als er direkt vor ihr stand, dass ein Fremder sie abholte, und nicht ihre Eltern. Sie fragte auf Englisch, ob er von ihrem Vater Jacek Maj geschickt worden sei, und Andrzej antwortete auf Polnisch: »Liebe Lidia! Erkennst du mich nicht?«
Sie trat einen Schritt zurück. Sie war etwa eins fünfundsechzig groß, schlank und hatte dünne Arme und Finger. Ihr Hals war zart geformt, und die honigfarbenen Haare trug sie schulterkurz geschnitten. Lidia hatte einen schwarzen Wintermantel an und darunter einen Pullover und einen knielangen warmen, rot karierten Rock. Sie hatte bloß die falschen Schuhe für diese Jahreszeit der Fluten in Venedig gewählt: Sommerpumps.
»Andrzej? Bist du es?«, fragte sie auf Polnisch.

3

Er nahm Lidia in seine Arme und küsste sie drei Mal auf ihre Wangen.
»Lidia!«, sagte er. »Willkommen in Venedig!«
»Was tust du hier?«, fragte sie. »O mein Gott! Was für ein Glück, dass ich dich hier treffe!«
»Komm, wir fahren jetzt zu deinen Eltern, und du wirst mir unterwegs erzählen, wie es dir geht und was du so in London treibst!«
Er griff nach ihrer schweren Reisetasche, aber Lidia wollte nicht losgehen. Sie stand immer noch völlig regungslos auf dem Bahnsteig, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Sie sagte: »Wie bist du überhaupt nach Venedig gekommen? In Polen ist doch der Krieg ausgebrochen!«
Er schaute sie intensiv an: »Wovon zum Teufel sprichst du da? Was für ein Krieg?«
»Ja! Ein Reisender aus Deutschland hat es mir heute Morgen erzählt ‒ er hat in seinem Taschenradio Nachrichten gehört …«
»Lidia, das kann nicht sein ‒ ich hätte es wohl als Erster erfahren … Meine Frau hätte versucht, mich in Venedig anzurufen … Sie hätte uns längst geweckt und den Teufel getan, um mir diese Nachricht irgendwie zu übermitteln!«
»Nein, nein«, wehrte sich Lidia. »Sie haben über das ganze Land das Kriegsrecht verhängt … Glaubʼs mir!«
In ihren Augen zeigten sich wieder Tränen.
»Weine nicht, Lidia, bitte, hör auf zu weinen!«, sagte er. »Ich bin schon seit einer Woche in Venedig. Aber die Überraschung ist uns, mir und deinen Eltern, perfekt gelungen: Mich hast du wohl heute Morgen hier am Bahnhof nicht erwartet ‒ so wie ich die bösen Neuigkeiten aus unserer kranken Heimat nicht erwartet habe …«
Endlich gingen sie los, und Andrzej schaute beim nächsten Kiosk nach Zeitungen, aber sie waren alle nicht auf dem neuesten Stand, wie denn auch, Il Gazzettino hatte er schon gestern flüchtig überflogen, außerdem konnte er kein Italienisch.
»Über die Straßen rollen in diesem Moment Panzer«, sagte Lidia, »und keiner weiß, was demnächst passieren wird … Wo ist deine Familie?«
»Zu Hause ‒ in Kętrzyn …«
»Nicht in Warschau?«
»Nein, ich wurde doch mehr oder weniger in meine alte Heimat verbannt …«
»Nach Masuren?«, staunte Lidia. »Mein Vater hat mir das gar nicht erzählt!«
»Ich bin Leiter eines kleinstädtischen Kulturhauses geworden ‒ als Dichter wirst du nicht reich. Außerdem gefallen der Regierung meine Gedichte nicht. Deshalb kann ich nirgendwo einen Job finden. Ein Jurist darf nicht auf die Partei spucken, er muss linientreu sein, wenn er in unserer Volksrepublik Karriere machen will.«
Sie fuhren mit dem Wasserbus bis zur Haltestation San Tomà, nahe des Palazzos Barbarigo della Terrazza, der sich der größten Terrasse Venedigs rühmte und vielleicht sogar Europas ‒ sicher zählte sie auch zu den Lieblingsmotiven auf den von Touristen geschossenen Fotos. Gegen Abend tänzelten nämlich in dieser Gegend die Blitzlichter der Fotoapparate wie Leuchtkäfer, und die Terrasse lud die fremden Besucher in den vorbeifahrenden Wasserbussen und Gondeln zum Fotografieren ein.   
Sie hätten schon bei der Ponte di Rialto aussteigen können, aber sie waren in ihr Gespräch so vertieft, dass sie weder die ehrwürdige steinerne Brücke noch andere Stationen beachteten. Die Erinnerungen und die Sorge um ihr Land ließen sie alles vergessen, und sie hätten wahrscheinlich den ganzen Tag in diesem Wasserbus verbringen können, sie besaßen ausreichend Gesprächsstoff.  
Nach dem Anlegen begaben sich die wenigen Passagiere zum Ausgang, er blieb aber sitzen und schaute aus dem Fenster. Für einige Sekunden fand er sich wieder an dem unbekannten Ort, von dem er geträumt hatte.
Plötzlich tauchten aus dem Canal Grande Andrzejs Freunde auf, fliegende Gestalten wie aus einem Bruegel-Gemälde, er sah ihre Köpfe und Gesichter über dem Kanal schweben, riesige aufgeblasene Köpfe, als wären sie Luftballons, und sie flehten um Hilfe: »Andrzej, komm zurück! Sie haben uns abgeholt und in ein Gefängnis gebracht! Hörst du? Aber wir leben noch!« Er sah deutlich ihre Gesichter, die von Paweł und Adam, die von Stefan und Roman. Und dann hörte er nichts mehr, gar nichts, nicht einmal den Lärm der Dieselmotoren in den Wasserbussen.
»Andrzej, wir müssen aussteigen! Andrzej, was ist mit dir?«, fragte ihn Lidia und weckte ihn aus seinem schmerzlichen Traum im erwachenden Tageslicht.
»Ich musste gerade an meine Freunde denken, und ich bin wohl kurz eingenickt ‒ entschuldige bitte! Aber der Schock über das Kriegsrecht sitzt tiefer, als ich mir es vorgestellt habe.«
Der Vaporetto-Schaffner, ein junger Mann, konnte seinen Ärger nicht verbergen, er drängte das Paar lautstark zur Eile, als transportierte er Zuchttiere auf seinem Schiff. Andrzej spürte die gestrige, lang geratene Nacht in den Knochen, er hatte auch zu viel Rotwein getrunken. Lidia musste ihn regelrecht antreiben, er möge sich beeilen.   
Es war immer noch still in Venedig, die grauen Wolken aber begannen sich langsam zu verziehen, sie wollten der  Sonne Platz machen, doch nirgendwo traf man einen Polen, den man hätte befragen können, um ein paar Neuigkeiten zu ergattern, oder wenigstens einen kleinen Jungen mit einem Stapel Il Gazzettino, der in die Menge »La guerra in Polonia!« schreien würde. Venedig war still, und wie immer schien diese Stadt in ihrem Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit unbesiegbar zu sein, während auf dem Festland neue Kriege tobten.

4

Von der Haltestelle San Tomà gingen sie dann zu Fuß weiter, vor ihnen lag ein gehöriges Wegstück, sie brauchten bestimmt zwanzig Minuten, wenn nicht länger. Er schleppte Lidias Reisetasche auf dem Rücken, und sie nahm ihn an die Hand, lächelte ihn an und bat ihn, ihr zu folgen und zu vertrauen.
»Lass mich deine Touristenführerin sein, deine Managerin und Agentin!«, sagte sie schließlich und zeigte mit der rechten Hand auf bekannte öffentliche Gebäude, ihre Hand sagte: Schau, da ist die Stadtbibliothek und hier eine schöne Boutique für Herrenhemden und dort drüben die Casa des Komödiendichters Carlo Goldoni. Und tatsächlich: Für einen Augenblick verschwanden die Sorgen aus ihren Gedanken und Gesichtern, die Sorgen um ihr Land und ihre Landsleute, und Andrzej staunte darüber, dass Lidias Gegenwart so heilsam und beruhigend auf ihn wirkte, ihre Sprache und ihr Atem, ihr Anblick und ihre Hände. Er hatte natürlich Zweifel und sagte sich, pass auf, Junge, du bist nicht mehr zwanzig, und du verliebst dich nicht mehr. Und außerdem hatte Andrzej eine Frau, die er liebte. Er hatte ein Land, das er liebte. Und die Zeit mit Lidia in Venedig würde genauso schnell vergehen wie seine erste Liebe. Aber liebte er seine Frau wirklich noch? Er staunte über seine eigenen Zweifel.
»Warum bist du nach Venedig gekommen?«, fragten sie beide in derselben Sekunde.
Lidia lachte los und sagte: »Du fängst an! Ich bin gespannt!«
Er musste sie anlügen, er konnte ihr doch nicht erklären, dass er und ihr Vater sich endlich versöhnen wollten. Lidia kannte diese alte Geschichte bestimmt nicht. Während Andrzejs Studienzeit in Warschau hatte sich Jacek in Monika, die Frau seines Freundes, verliebt und wollte mit ihr zusammenleben. Monika aber hatte Jaceks Liebe nicht erwidert, und der damals fast dreißigjährige und bereits international bekannte Komponist von Streichquartetten, Filmmusik und Jazzstücken hatte die Freundschaft abgebrochen und antwortete nicht auf Andrzejs Anrufe und Briefe. Dabei hätte Andrzej eigentlich eifersüchtig und verärgert sein müssen. Und er durfte Lidia jetzt auch nicht erzählen, dass Jacek ihre Mutter nie geliebt hatte und dass er mit ihr unglücklich gewesen war. Das hätte sie nicht verkraftet, sie glaubte an die große Liebesgeschichte ihrer Eltern und versuchte Jahr für Jahr, den Todestag ihrer Mutter gemeinsam mit dem Vater in Venedig zu verbringen.
Andrzej sagte: »Es war all die Jahre schwierig, den Pass und das Visum zu bekommen, und nun hat es geklappt. Dein Vater und ich haben ein gemeinsames Projekt. Er schreibt zur Zeit neue Lieder, und er will meine Gedichte vertonen. Beziehungsweise: Ich muss ihm ein paar Texte von mir zur Verfügung stellen ‒ eher schon gestern als heute. Ich habe nämlich das erste Mal in meinem Leben einen Vorschuss erhalten. Und stell dir vor: Die Uraufführung der Lieder findet im Teatro La Fenice statt!«
»Das ist ja großartig!«
»Und was willst du in Venedig machen? Ein spontaner Besuch?«
»Nein, ich drehe einen Kurzfilm über meinen Vater und seine Musik, und nun muss ich mit ihm einiges besprechen … Aber nicht nur das: Ich  habe mir auch ein paar Tage Urlaub genommen und möchte außerdem die Weihnachtstage bei meinen Eltern verbringen.«
Sie kamen zum Campo San Polo, auf dem, wie Jacek seinem Freund erklärt hatte, im Sommer Kinofilme gezeigt werden. Lidias Vater mochte diesen Campo, weil er von den Touristen etwas stiefmütterlich behandelt und viel zu wenig beachtet wurde. Eigentlich, so Jacek, hätte er einen würdigeren Namen verdient: Es handelte sich schließlich um eine Piazza, die extra für einen einsamen Trinkbrunnen in der Nähe der dem Apostel Paulus geweihten Kirche angelegt worden war.  
»Und wovon werden deine Gedichte handeln? Hast du schon ein Thema?«
»Ja, ich werde über eine gewisse Lidia Maj schreiben!«
»Du spinnst …«, sagte sie, aber er merkte schnell, dass ihr dieses scheinbar witzige Geständnis gefiel.

5

Trotz der frühen Sonntagstunde hatten einige Cafébesitzer schon geöffnet,  und Lidia und Andrzej brauchten schnell einen Wachmacher. In Jaceks Stammcafé auf seinem Campo tranken sie zwei Espressi und aßen ein süßes Croissant, das so gar nicht dazu passte, was Lidia im Nachtzug an Neuigkeiten erfahren hatte und was sie jetzt diskutierten, während Vittorio, ein alter Narr, ein achtzigjähriger Venezianer, der hier zu Hause war und jeden Tag Mussolini und seine Epoche der faschistischen Gerechtigkeit in den Himmel lobte, Lidia überschwänglich begrüßte und ihr ‒ soweit Andrzej es einschätzen und für sich übersetzen konnte ‒ Komplimente über ihr Alter und ihre Schönheit machte. Jeder Campo besaß seinen Buckligen oder seinen Verrückten, und nicht selten blieb Vittorio mitten auf dem Weg zum Fischmarkt zum Beispiel plötzlich stehen und redete mit sich selbst, obwohl er in Wahrheit mit seinen Kameraden und Mussolini redete. Andrzej fühlte sich hier fast wie zu Hause in Kętrzyn. Und er bewunderte den alten Mann, obwohl er seine erdabgewandten Ansichten nicht teilte. Vittorio war jedoch harmlos, er lebte in einer Zeitkapsel und weigerte sich, in der Gegenwart zu existieren. Er musste jedenfalls glücklich sein. Andrzej bewunderte auch seinen besten Freund, der den Mut fand, ihn einzuladen, und er lachte über ihn: Obwohl Jacek schon seit drei Jahren in Venedig lebte, sprach er mit seinem liebsten Cafébesitzer immer noch nur auf Englisch und Deutsch, in einem speziellen Mix: »Marcello, wie gehtʼs? I take an Americano!« Italienisch zu lernen, lag Andrzejs Freund fern, er sagte zur Erklärung und nicht ohne Ironie, er wohne und arbeite doch in einem internationalen Zirkus, in dem sich Künstler und Musiker aus aller Herren Länder wohl fühlen würden, weil keiner hier in der ehemaligen Dogenrepublik als Emigrant auffalle und von den Einheimischen, wenn schon nicht akzeptiert, so wenigstens ignoriert werde, sodass man sich auf seine Arbeit konzentrieren könne. Venedig sei eine ausgezeichnete Zufluchtsstätte, eine Art Nachtasyl wie aus dem gleichnamigen Film von Kurosawa, auch für die zahlreichen Personae non gratae Europas, und er nannte als Beispiel seinen amico Gaston Salvatore, den Schriftsteller und Neffen von Salvador Allende, der aus der Bundesrepublik mehr oder weniger habe türmen müssen.   
Die kleine Erfrischung diente Lidia und Andrzej auch als Überbrückung der Zeit, es war immer noch sehr früh: Lidias Eltern lagen bestimmt noch in ihrem Bett, sie sollten ausschlafen und die Strapazen der Nacht auskurieren.
»Was wirst du nun tun? Um Asyl bitten und in Venedig bleiben?«, fragte Lidia ihn im Café.
»Ich weiß es nicht«, sagte er gereizt. »Nein, ich muss nach Hause zurück. Am 21. Dezember endet mein Visum ‒ spätestens dann werde ich im Flieger nach Warschau sitzen …«
»Wie kann ich dir helfen?«
»Du kannst mir nicht helfen ‒ aber ich danke dir! Du musst dich nicht um mich sorgen …«
»Sag bitte nicht so etwas … Ich will, dass es dir gut geht!«
»Lass uns gehen, ich möchte im Radio oder Fernsehen die neuesten Nachrichten mitkriegen!«, sagte Andrzej. »Und verschone mich mit deinem Mitleid ‒ du lebst in London, ich in Kętrzyn.«
»Bitte …«, antwortete Lidia. »Ich weiß, wie du dich fühlst …«
»Das bezweifle ich nicht …«
»Du bist ein großer Dichter ‒ seit Miłosz die größte Hoffnung  … Diese Mörder dürfen dich nicht töten. Die Menschen brauchen dich!«
»Lidia! Hör auf!«
Sie verließen das Café und gingen zu Lidias Eltern. Er hatte den Schlüssel mitgenommen, der unerwartet ein Schlüssel zu seinem Glück geworden war, und Andrzej wusste, dass ihn sein Freund zum Nachgeben drängen würde. Und Nachgeben bedeutete nur eines: Flucht. Wollte er fliehen? Wohin?

Danksagung

Der Autor bedankt  sich  bei  Janusz  Podrazik,   Gioia  Meller-Marcovicz, Ezio Toffolutti, Gaston Salvatore, Elena Zanichelli, Franz-Julius Morche, Julia Niewind, Nicolas Gillen, Sabine Herrmann, Uwe Israel, Christian Pruns, Karoline Rörig, Petra Reski, Jule Gölsdorf, André Daub und Anya Schutzbach.
Ein besonderer Dank gilt Petra Schaefer wie auch dem Deutschen Studienzentrum in Venedig.

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